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Hypochondrie

Die ständige Suche nach einer unheilbaren Krankheit

Im heutigen Google-Zeitalter wird vermutlich jeder schon einmal leicht hypochondrische Züge an sich selbst festgestellt haben. Kaum verspürt man ein leichtes Ziehen oder entdeckt etwas Seltsames an seinem Körper, wird die Suchmaschine nach möglichen Krankheitsbildern abgesucht. Dies ist in der Regel zwar nicht wirklich zielführend, ändert aber nichts daran, dass wir der Versuchung dennoch erliegen. Leidet man jedoch unter Hypochondrie, ufert diese Verhaltensweise in der Regel aus. Die Patienten leben in der ständigen Angst, zu erkranken oder bereits unheilbar krank zu sein. Ob im Internet oder bei Ärzten: Hypochonder sitzen oft täglich in realen oder virtuellen Wartezimmern, um sich eine Rückversicherung einzuholen. Im Folgenden präsentieren wir dir einige Tipps und geben Informationen zu möglichen Therapien, mit denen man aus dem Hypochondrie-Teufelskreis ausbrechen kann.

Die Hypochondrie ist eine Krankheit, die nach wie vor viele Rätsel aufgibt, da sie zwar zu den somatoformen Störungen gezählt wird, dies jedoch in Fachkreisen als umstritten gilt. Zunächst einmal handelt es sich bei der Hypochondrie um die Angst vor Krankheiten oder dem Kranksein. Das Hauptproblem liegt darin, dass die eigenen Körperwahrnehmungen missgedeutet und dramatisiert werden, ohne dass es einen Grund oder sogar einen Befund dafür gibt. Ein Beispiel: Ein Hypochonder, der von Kopfschmerzen heimgesucht wird, geht zunächst vom Schlimmsten und ist felsenfest davon überzeugt, ein Gehirntumor davongetragen zu haben.

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist allerdings objektiv betrachtet relativ gering. Wahrscheinlicher sind hingegen unzählige andere Ursachen, die meist harmlos und nach einigen Stunden wieder komplett verschwunden sind. Somatoforme Störungen sind Krankheiten, die mit einem emotionalen Unwohlsein und Stress einhergehen und sich in körperlichen Symptomen niederschlagen. Häufig ähnelt die Hypochondrie auf den ersten Blick klassischen Panik- und Angststörungen, da sie unter anderem die Lebensqualität des Patienten in einer ähnlichen Art und Weise einschränkt. Es gibt jedoch deutliche Unterschiede, auf die wir im Folgenden eingehen wollen.

Etwa 80 % der Hypochonder haben Angst vor einer Erkrankung (Krebserkrankung)

Bevor wir uns mit den Auslösern von Hypochondrie befassen, ist es interessant, ein Blick auf die Verbreitung dieses Krankheitsbildes zu blicken. Experten gehen davon aus, dass in Deutschland etwa 1 % der Gesamtbevölkerung in diesem Teufelskreis gefangen ist – die Dunkelziffer soll allerdings um einiges höher sein. Die Diagnose fällt in einigen Fällen gar nicht so leicht, da das Spektrum der Hypochondrie vergleichsweise breit aufgestellt ist. Als extremste Form gilt der hypochondrische Wahn. Hier sprechen wir von dem Vollbild der Hypochondrie. Allerdings gibt es auch leichtere Krankheitsverläufe zu beobachten. So kann ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein in ein gesundheitsorientiertes Verhalten und später in eine akute Hypochondrie münden. Davon ausgehend, dass also etwa 800.000 Menschen in Deutschland dem Vollbild ausgeliefert sind, haben 80 % dieser Patienten Angst, an Krebs erkrankt zu sein. Dies ist eine weitere Besonderheit der Hypochondrie: Wir haben es mit einer konkreten Angst zu tun, die sich in der Regel tatsächlich auf bestimmte Beschwerden konzentriert. Neben einer Krebserkrankung sorgen sich Betroffene auch vor neurologischen Krankheitsbildern, Herzinfarkten oder Schlaganfällen

Symptome von Hypochondrie: Wann ist mein Verhalten krankhaft?

Das Tückische an der Hypochondrie ist, dass es sich hierbei um die eigentliche Krankheit handelt, die es zu behandeln gilt. Da die potenziellen Patienten allerdings ständig auf der Suche nach anderen Beschwerden sind, verstecken sie die tatsächlich aus der Welt zu schaffenden Wahrnehmungsstörungen hinter eingebildeten, körperlichen Symptomen. Wie bereits erwähnt, beziehen sich die Ängste auf einen sehr konkreten Bereich des Körpers. Sobald man also ein leichtes Ziehen verspürt, nehmen unter Hypochondrie leidende Menschen sofort die Fahndung auf. Zunächst einmal wird in der Regel „Dr. Google“ befragt. Über mehrere Stunden recherchieren Hypochonder im Netz, bis sie sich in ihrer Selbstdiagnose bestätigt sehen. Da der Betroffene Probleme damit hat, mit etwaigen Unsicherheiten leben zu können, dienen diese Recherchen ganz klar dem Ziel, die körperlichen Symptome abzuklären. Diese werden in gesteigerter Art und Weise wahrgenommen. Wer mit Hypochondrie zu kämpfen hat, nimmt die Signale zumeist stärker und intensiver wahr als andere. 

Für Angehörige ist es oft schwierig, dieses Krankheitsbild festzustellen. Allerdings gibt es Zeichen, bei denen die Alarmglocken läuten könnten. Bei einer Hypochondrie kreisen die Gedanken des Patienten fast ausschließlich um dieses Thema. In Gesprächen werden Hypochonder vermutlich immer wieder auf etwaige Beschwerden eingehen und gezielte Rückfragen stellen – womit wir wieder bei der Abklärung wären. Das Problem für den Betroffenen: Es ist unwahrscheinlich, dass ein Freund oder Verwandter eine Ferndiagnose stellen und den Vermutungen zustimmen wird. Die darüber hinaus konträren und teils schockierend-vielschichtigen Suchergebnisse in Internet-Foren verstärken das Gefühl der Unzufriedenheit. Es entsteht Frust, der sich immer weiter und weiter steigert. Da auf diesem Weg also keine Klarheit entstehen kann, ist der Weg zum Arzt aus Sicht des Betroffenen der nächste logische Schritt. Alles, was in irgendeiner Form ungewöhnlich erscheint, muss untersucht und abgeklärt werden – von Kopfschmerzen über Muttermale bis hin zu Schwindelgefühlen oder Durchfall.

Die Hypochondrie hat viele Gesichter

Doch warum geben sich die Betroffenen nicht einmal nach einem klaren Befund des Arztes zufrieden? Wer unter Hypochondrie leidet, betrachtet zunächst einmal die negativen Möglichkeiten und hat Schwierigkeiten damit, sich selbst und natürlich auch anderen Menschen Vertrauen zu schenken. Schließlich könnte es doch sein, dass der Arzt etwas übersehen oder sich nicht genug Zeit genommen hat, um sich mit dem Problem genau auseinanderzusetzen. Diese Gedanken führen dazu, dass die Patienten zu Dauergästen in den Wartezimmern avancieren und von Arzt zu Arzt eilen.

Es gibt allerdings noch einen zweiten Hypochonder-Typen, dem man vielleicht noch schwieriger auf die Schliche kommt. Und zwar handelt es sich um Betroffene, die sich dem Gesundheitssystem komplett entziehen und alles meiden, was damit in Verbindung steht. Wer sich vehement weigert, einen Arzt aufzusuchen, hat unter Umständen Angst vor einer schlimmen Diagnose. So kann es gut vorkommen, dass sich etwa Frauen täglich mehrmals im Brustbereich abtasten und fest davon überzeugt sind, entsprechende Knoten gefunden zu haben. Mit dieser Gewissheit müssen sie von nun an leben, da sie aus Angst nicht in der Lage dazu sind, sich medizinischen Rat einzuholen. Während die einen also nahezu um eine Diagnose betteln, scheuen sich die anderen genau davor. Wie äußert sich Letzteres? Es kann zum Beispiel sein, dass Betroffene niemals an einem Krankenhaus oder Friedhof vorbeifahren können oder dass sie den Fernseher sofort ausschalten, wenn es in einem Bericht um die selbst diagnostizierte Erkrankung geht. Ja, die Hypochondrie hat tatsächlich viele Gesichter!

Ursachen und Auslöser: So entsteht Hypochondrie!

Wie bei vielen anderen Krankheitsbildern ist auch die Hypochondrie in den meisten Fällen auf frühere Negativ-Erlebnisse zurückzuführen – sogar bis in die Kindheit. Wer ein Elternteil oder eine andere nahestehende Person durch eine schlimme Krankheit verloren hat, neigt dazu, später im Leben mit Hypochondrie konfrontiert zu werden. Die übertriebenen Krankheitsansichten sind das Ergebnis einer Fehlinterpretation der eigenen Körpersignale. Letztere können neben dem Verlust eines geliebten Menschen etwa auch durch einen überbehütenden Erziehungsstil entstehen. Bei einigen Menschen ist diese Neigung auch angeboren (genetische Angstvulnerabilität), wieder andere fliehen in eine Hypochondrie, weil sie unbewusst andere Probleme bewältigen wollen. Ausgelöst wird eine Hypochondrie im Regelfall durch sogenannte Trigger wie beispielsweise permanenter Stress. Grundsätzlich ist jedoch davon auszugehen, dass ein Hypochonder über ein vergleichsweise geringes Selbstbewusstsein verfügt. Der Patient ist leicht verwundbar und ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Übrigens hat sich im Umgang mit der Hypochondrie in den vergangenen Jahren einiges getan. Wurde diese Krankheit früher als Persönlichkeitsstörung oder Depression abgetan, sprechen wir heute von einem eigenen Krankheitsbild. Dennoch erscheint die Abgrenzung schwierig. Somatisierungsstörungen, zu denen die Hypochondrie eben inzwischen zählt, sind eigentlich dadurch gekennzeichnet, dass sie sich um das akute Problem drehen. Hypochonder hingegen befassen sich eher mit den Folgen (also zum Beispiel dem Tod). Daher ist es wichtig, nicht alles in einen Topf zu werfen, wenngleich sich bestehende Krankheiten (Panik- und Angststörungen, Depressionen) erschwerend auf die Hypochondrie auswirken können.

Lösungsansätze bei Hypochondrie

Uns ist es ein großes Anliegen, nicht nur über das Krankheitsbild aufzuklären, sondern vor allem Lösungsansätze zu liefern. Wir unterscheiden im Folgenden zwischen Alltagstipps, die dem Ganzen entgegenwirken können, und Therapien. Letztere sind vor allem dann unerlässlich, wenn von einem hypochondrischen Wahn (Vollbild) ausgegangen werden muss. Grundsätzlich gilt Hypochondrie als nicht heilbar, doch zumindest als gut behandelbar.

4 Tipps, um die Hypochondrie in den Griff zu bekommen!

1. In guten Momenten den Arzt aufsuchen!
Zunächst einmal solltest du dich auf einen Arzt deines Vertrauens festlegen, auch wenn es länger braucht, diesen zu finden. Vertrauen ist das A und O im Kampf gegen die Hypochondrie. Lege deinen Besuch im Bestfall auf einen Tag, an dem es dir verhältnismäßig gut geht. So kannst du nicht nur die Untersuchungen entspannter über dich ergehen lassen, sondern stehst einem Befund, der deinem gegenwärtigen Gefühl entspricht, offener und nachhaltiger gegenüber.

2. Befunde mitnehmen
Es ist sinnvoll, schwarz auf weiß lesen zu können, dass du gesund bist. Weise deinen Arzt also darauf hin, dir die Unterlagen auszuhändigen. Dies könnte dir in den Phasen helfen, wenn du zu Hause mal wieder Unsicherheiten bezüglich deines Gesundheitszustandes verspüren solltest. Die beruhigende Wirkung ist nicht von der Hand zu weisen.

3. Gönn dir!
Versuche, die negativen Gedanken aus deinem Kopf zu verbannen! Dies ist zwar leichter gesagt als getan, doch zwinge dich bitte u einem Wellness-Tag, zum Joggen oder zum Ausgehen mit Freunden, anstatt den ganzen Tag mit Recherchen zu verbringen.

4. Erkunde die Symbolik!
Warum bist du so überzeugt davon, bestimmte Beschwerden in dir zu tragen? Wenn du beispielsweise glaubst, an einem Herzinfarkt sterben zu können, dann kann dies auch mit ganz alltäglichen Problemen zu tun haben. Hinterfrage also unbedingt die Symbolik deiner Erkrankung.

5. Dränge deinen Arzt nicht!
Da du dich als Hypochonder nie zufriedengeben wirst, läufst du Gefahr, deinen Arzt zu immer weiteren Untersuchungen zu drängen. Hierbei sind wir aber wieder beim Thema Vertrauen. Versuche, dich mit dem Befund anzufreunden. Wenn dein Arzt keinen Anlass für weitere Abklärungen sieht, dann gibt es auch keine – im anderen Fall wird er dich von ganz alleine untersuchen oder überweisen.

Psychotherapie: Es gibt immer Mittel und Wege

Neben den oben genannten nützlichen Tipps macht häufig auch eine kognitiv-behaviorale Psychotherapie Sinn. Hierbei geht es darum, die Denkstrukturen eines unter Hypochondrie leidenden Menschen zu verändern (kognitiv). Da das alleine nicht ausreicht, sollte aber auch behavioral therapiert werden – das heißt, dass die Verhaltensweisen des Betroffenen angepasst werden. Das Ziel ist es, die ständigen Arztbesuche einzudämmen und Schritt für Schritt den Drang nach Absicherung aus dem alltäglichen Leben zu verbannen. Zwar gibt es Untersuchungen zufolge auch Non-Responder – also Menschen, die nicht auf die Therapie anspringen, doch in der Regel lässt sich Hypochondrie sehr gut behandeln. Auch die Konfrontationstherapie kann hilfreich sein, auch wenn es ein schwieriger Prozess ist, sich den eigenen Ängsten zu stellen.